Der lang Weg zur Open Source Software Strategie Sachsen

Was bisher geschah – ein kurzer Abriss über die Entstehungsgeschichte, Evaluation und Zielsetzung der Open Source Software Strategie des Freistaat Sachsen.

Coverbild des Vortrags mit einer langen Straße und einem Regenbogen am Ende der Straße

Am 29.03.2025 war der Internationale Tag des offenen Hackspaces. Da ich nun seit Anfang des Jahres Mitglied im dezentrale e. V. bin, dachte ich mir, es wäre doch cool mal wieder einen kleinen Vortrag über die Open Source Software Strategie des Freistaats Sachsen zu halten. Die OSS-Strategie ist das Herzensprojekt meiner Legislatur im Sächsischen Landtag gewesen und ich freue mich immer riesig über dieses Thema, bzw. Open Source Software im Allgemeinen zu sprechen. Nach der Veranstaltung wurde ich gebeten meine Folien online zu stellen. Dem komme ich hiermit nach. 😏 Ich habe versucht die Tonspur hier noch in Blogformat zu überführen, ob das geklappt hat, kann jede:r selber entscheiden.

Politische Hintergründe

Als ich 2019 in den Sächsischen Landtag gewählt wurde, war das eine wahnsinnig aufregende Erfahrung. Passiert ja nicht alle Tage… Es war aber auch ein Kulturschock. Ich kam als CTO aus einem Startup, das sehr komplizierte Software gebaut hat und musste schnell feststellen, dass die Dinge im Landtag etwas anders laufen. So werden viele Dinge mit Mars-Rover ähnlichen Gebilden über die langen Gänge geschoben und landen am Anfang und Ende ihrer Reise in physischen Postein- und -ausgängen. Mal abgesehen vom Briefkasten, hatte ich sowas noch nie gesehen. 😳

Koffer, Mappen und analoge Posteingänge und Postausgänge

Das wahrscheinlich wichtigste Dokument war der Koalitionsvertrag, der die kommenden 5 Jahre Regierungshandeln in Sachsen in gewisse Bahnen lenken sollte. Wir haben es geschafft, dort für OSS die ersten Pflöcke einzurammen. Ohne diese Grundlage wäre es vermutlich nie zum Beschluss dieser Strategie gekommen.

„Die Verwendung von Open-Source-Software in staatlichen Behörden werden wir ausbauen und durch die Staatsregierung eine Open-Source-Strategie für die Öffentliche Verwaltung entwickeln.”

Quelle: Koalitionsvertrag für 2019 bis 2024 in Sachsen zwischen CDU, Bündnis 90/Die Grünen und SPD

Unterschrift und den Koalitionsvertrag in Sachsen in 2019

Leider war kurz nach Unterzeichnung des Koalitionsvertrags schon gleich wieder Schluss mit Arbeiten. Es ist Lockdown. Die Corona-Pandemie bringt quasi alles durcheinander und die Legislative (der Mitglied ich ja war) muss erstmal zurücktreten und über viele Monate ist ausschließlich ein Thema relevant. Wenn schon nicht über Open Source Software gesprochen wird, dann baue ich zumindest ein Open Source Corona Dashboard.

Nachdem diese traurige Zeit endlich vorbei war, konnte ich das Projekt wieder in den Fokus nehmen und habe begonnen die Staatsregierung erstmal zu fragen, wieviel Geld sie eigentlich für Software ausgibt. Das war nämlich bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht klar. Alle Mittel werden ohne gemeinsames Schema in über 15 Einzelplänen verstreut ausgegeben. Das Ergebnis der kleinen Anfrage seht ihr hier in M€:

201920202021Summe
Standard-Software (kaufen)29,724,523,777,8
Standard-Software (Miete)13,617,716,748.0
Standard-Software (anpassen)7,79,09,025,7
Spezialsoftware18,719,120,458,2
Training1,41,31,13,8
Beratung4,04,84,813,5
Summe75,176,375,7

Da zu diesem Zeitpunkt immer noch keine Strategie von der Staatsregierung erarbeitet wurde, habe ich mich quasi mit diesen Zahlen bewaffnet und darauf gedrängt, dass wir innerhalb der Koalition einen Antrag beschließen, der die Staatsregierung auffordert, endlich die Strategie zu erstellen. Dafür, dass es ein Kompromissvorschlag zwischen 3 Fraktionen ist, bin ich mit dem Ergebnis sehr glücklich. 🙂 Wer richtig viel Zeit und Lust hast, kann sich auch das Plenarvideo (TOP 3) hier noch mal dazu anschauen.

Disclaimer: Für alles was jetzt kommt, übernehme ich keine Verantwortung mehr. Als Landtagsabgeordneter hatte ich wenig bis keinen Einfluss auf die Erstellung der Strategie. Das ist exekutive Eigenverantwortung und originäre Aufgabe der Verwaltung. Nichtsdestotrotz habe ich versucht hier und da Einfluss zu nehmen. Unter anderem habe ich für die verwaltungsinterne Anhörung u. a. die Open Knowledge Foundation, die Free Software Foundation Europe, die Open Source Business Alliance und die Gesellschaft für Informatik vorgeschlagen.

Die Strategie

Die gesamte Strategie zusammenzufassen ist an dieser Stelle nicht wirklich sinnvoll. Wer sich dieses Dokument in seiner Gänze anschauen möchte kann dies hier tun, außerdem hab ich auch in der Vergangenheit schon viel dazu geschrieben oder z. B. beim Datenkanal dazu gesprochen. Wichtig ist, dass viele richtige und wichtige Entscheidungen darin stehen. Es wird klar formuliert, dass eine viel zu große Abhängigkeit von Microsoft besteht, die Definition von Open Source Software entspricht der Definition der Open Source Initiative und digitale Souveränität wird definiert als „die Fähigkeiten und Möglichkeiten von Individuen und Institutionen, ihre Rolle(n) in der digitalen Welt selbstständig, selbstbestimmt und sicher ausüben zu können”.

Abstrakte Ziele

Die Strategie selbst verfolgt 6 abstrakte Ziele und definiert erstmal keine konkreten Ziele im klassischen/messbaren Sinn. Dazu fehlt die Datengrundlage, die aber im Laufe des Jahres nach Beschluss in der Staatsregierung erhoben wurde.

Fokus auf Open Source: Durch die Ausrichtung auf Open Source-Lösungen wird die digitale Souveränität der Sächsischen Staatsverwaltung gestärkt. Unerwünschte Abhängigkeiten werden ermittelt und reduziert.

Umsetzungspfad: Ein verbindlicher Umsetzungspfad einschließlich Priorisierung stellt den verstärkten Einsatz von Open Source-Lösungen in der Sächsischen Verwaltung sicher. Die Entscheidung über den Einsatz von IT-Lösungen erfolgt transparent und nachvollziehbar anhand von objektiven Kriterien

Entscheidungsprozess: Die Bedeutung der digitalen Souveränität der öffentlichen Verwaltung ist den Verantwortlichen im Entscheidungsprozess bewusst. Sie stehen der Nutzung von Open Source-Lösungen offen gegenüber.

Akzeptanz: Die Akzeptanz der Nutzer von Open Source-Lösungen ist durch offene Kommunikation und den Einsatz qualitativ guter Produkte vorhanden.

Vernetzung: Die digitale Souveränität der Sächsischen Staatsverwaltung ist durch Vernetzung mit relevanten Stakeholdern sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Verwaltungsebenen gestärkt.

Rahmenbedingungen: Die Rahmenbedingungen im Freistaat Sachsen sind gesetzt und unterstützen die Beauftragung und sichere Verwendung aktueller Technologien und Entwicklungen im Bereich der Open Source- Software.

Key Performance Indicators

Ein wirklich wichtiger Teil der Strategie ist der Anhang 1. Dort werden über mehrere Seite (S. 59 bis S. 66) ein Kennzahlentableau aufgebaut, dass für jedes definierte Ziel sehr genau spezifiziert, wie Fortschritt gemessen werden kann. Grundsätzlich heißt das nicht, dass auch all diese Indikatoren erhoben werden, aber es ist ein sehr guter Start, der meiner Meinung nach auch in anderen Ländern, Städten, Unternehmen oder auch im Bund wiederverwendet werden sollte. Nachfolgend habe ich beispielhaft und zufällig ein paar Indikatoren aufgeführt:

Fokus auf Open Source:

  • Anzahl der (Fach-)Verfahren
  • Höhe der Kosten (Betrieb, Lizenzen, Support, …) der eingesetzten proprietären Systeme in €
  • Anzahl der Nutzer je Open Source-System

Umsetzungspfad:

  • Ein abgestimmter und verbindlicher Umsetzungspfad zu Open Source ist vorhanden.
  • Anzahl eingesetzter Best Practices (Prozesse, Methoden, Techniken) zur Sicherstellung eines verstärkten Open Source-Einsatzes.

Entscheidungsprozess:

  • Anzahl der Bediensteten in Entscheidungsprozessen
  • Anzahl geplanter Schulungen und zu schulender Bediensteter

Akzeptanz:

  • Regelmäßige qualitative Befragung von Power-Usern, inwieweit die Qualität gelieferter Open Source Software wahrgenommen wird
  • Die Relation von geschulten Bediensteten zu noch zu schulenden Bediensteten

Vernetzung:

  • Auftritte und Besuche auf Messen und Kongressen, die das Thema Open Source abbilden
  • Die Anzahl gemeinsamer Projekte mit den unterschiedlichen Stakeholdern

Rahmenbedingungen:

  • Anzahl der geänderten oder erstellten Richtlinien, welche die Erreichung der Ziele der Strategie unterstützen
  • Anzahl angestoßener Normänderungsverfahren, welche die Erreichung der Ziele der Strategie unterstützen

Evaluation

Alle zwei Jahre muss nun die Staatsregierung dem Sächsischen Landtag einen Bericht über die Umsetzung der Open Source-Strategie vorlegen. Der aktuelle Stichtag dafür war der 30. Juni 2024.

Da es bislang keine vollständigen Daten gab, wurde eine umfangreiche Erhebung durchgeführt – unterstützt durch digitale Werkzeuge wie SharePoint und Excel (🧐). Dabei wurden alle 50 Landesbehörden einbezogen. Insgesamt kamen so fast 7.000 Datenpunkte zusammen, wobei einige spezielle Bereiche wie Libraries oder Treiber bewusst ausgeklammert wurden.

Um einen ersten Überblick zu gewinnen, wurden zunächst nur grundlegende Kennzahlen betrachtet. In den kommenden Jahren sollen weitere, detailliertere Auswertungen folgen.

Als Betrachtungszeitraum wurde das erste Halbjahr 2023 festgelegt. Die Auswertung ergab folgendes Bild für die Sächsische Staatsverwaltung:

  • Zum Stichtag 30. Juni 2023 beträgt der Open Source-Anteil rund 13,5 % zur gesamten Softwarelandschaft in der Sächsischen Staatsverwaltung. Dabei beträgt der Anteil an Lizenzen mit starkem Copyleft rund ⅔.
  • Zum Stichtag 30. Juni 2023 beträgt der Nutzeranteil an Open Source-Software rund 13 %. Dabei beträgt der Anteil an Nutzern von Software mit starker Copyleft-Lizenz etwas mehr als ⅔.
  • Im ersten Halbjahr 2023 wurden fast ausschließlich Software mit proprietärer Lizenz beauftragt (24 x proprietär, 1 x Open Source, 1 x unbekannt).
  • Es wurden drei Schulungen mit insgesamt 14 Teilnehmenden durchgeführt.
  • Insgesamt wurden acht Beiträge in Fachzeitschriften veröffentlicht.

Ziele

Ausgehend von der Evaluation hat die Regierung nun für den Stichtag 30. Juni 2028 folgende Ziele festgelegt:

  • Ziel 1: Ausrichtung auf Open Source:
    • Die Relation von Open Source-Software zur gesamten Softwarelandschaft soll 20 % betragen.
    • Die Wirksamkeit des Open Source-Einsatzes je System, bezogen auf die Nutzer soll 20 % betragen.
    • Die Relation von Open Source-Neubeauftragungen zu allen Neubeauftragungen soll 25 % betragen.
  • Ziel 4: Akzeptanz
    • Die Anzahl der durchgeführten Schulungen und die Anzahl bereits geschulter Bediensteter sollen kumulativ 80 Schulungen mit insgesamt 1.000 Teilnehmenden betragen.
  • Ziel 5: Vernetzung
    • Die Anzahl veröffentlichter Beiträge in Fachzeitschriften (z. B. Behörden Spiegel) soll kumulativ 80 Beiträge betragen.

Zusammenfassung

Alles in allem ist auf dem Gebiet Open Source Software in Sachsen einiges passiert. Eine strukturierte Analyse des aktuellen Ist-Zustand ist schon einmal viel wert. Ob die Ziele nun, wie die Staatsregierung formuliert „ambitioniert” sind, überlasse ich jeder:m selbst. Ich persönlich hätte mir vor allem für die Neubeschaffung und die Anzahl der Nutzer:innen von OSS doch deutlich höhere Prozentsätze erhofft. Ich habe auch immer wieder für den Einsatz von openDesk und dem Souvereign Cloud Stack argumentiert, aber leider bisher ohne Erfolg. Vielleicht hat das Sächsische Verwaltungsdreieck (funktioniert sicher auch mit jedem anderen Namen) seine „Finger” im Spiel. Abgesehen vom „Endgegner” und der Darstellung als Mengendiagramm ist das nicht, dass ich mir selbst ausgedacht habe. In meinen zahllosen Gesprächen mit Stakeholdern in diesem Kontext, war das ein sich sehr häufig wiederholendes Thema. 😎

„Wo kommen wir denn da hin” und „Das haben wir noch nie so gemacht” vs „das haben wir schon immer so gemacht”

Werbung für den Sächsischen Digitalpreis

Wenn es um Open Source geht, nutze ich auch immer die Gelegenheit um Werbung für den Sächsischen Digitalpreis zu machen. Der Preis wurde jetzt schon zwei mal vergeben und steht aktuell auch noch im Entwurf des Einzelplans 07 zum Doppelhaushalt 25/26. Drücken wir mal die Daumen, dass das auch so bleiben wird. 🤞
Der Preis selbst hat drei verschiedene Kategorien: „Wirtschaft”, „Gesellschaft” und „Open Source”. In der Vergangenheit haben den schon so großartige Initiativen gewonnen, wie:

Leipzig gießt: möchte alle Leipziger:innen auf die Herausforderung der Trockenheit aufmerksam machen und zugleich zum Mitgießen der Bäume motivieren
Krake von alasca e. V.: Lastverteilung in Rechenzentren dorthin wie viel Erneuerbare verfügbar sind
Hardware for Future: Hardware für bedürftige Menschen durch Wiederverwendung für den Umweltschutz

Wichtige Dokumente

– Präsentation als PDF und Keynote (de), Keynote (en)
kleine Anfrage 7/10507 Kostenaufwand des Freistaats für Software und Lizenzen (September 2022)
Antrag 7/11086 Digitale Souveränität in Sachsen sicherstellen – Open Source-Strategie erarbeiten
Open Source-Strategie der Sächsischen Staatsverwaltung (Juni 2023)
Bericht der Staatsregierung an den Sächsischen Landtag zur Umsetzung der Open Source-Strategie der Sächsischen Staatsverwaltung (Stichtag 30. Juni 2024)
kleine Anfrage 8/2126: Umsetzungsstand und Mittelverwendung zur Vergabe von Aufträgen für Datenerfassung, Softwareentwicklung u. ä.; Ausgaben zur Umsetzung der Open Source Strategie (Titel 02 05 / 534 96)

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